Die Geschichte vom Quecksilber

(Aus dem Buch „Mediale Medizin“ von Anthony William)

 

Fast 2500 Jahre lang hat der Mensch versucht, im Quecksilber

den Quell der Jugend zu erblicken. Man hat es das ultimative

Heilmittel aller Krankheiten genannt, das Geheimnis ewigen

Lebens und die Quelle aller Weisheit. In der antiken chinesischen

Medizin wurde Quecksilber so verehrt, daß zahlreiche chine-

sische Kaiser an Quecksilber-Elixieren zugrunde gingen, von

denen die Heiler geschworen hatten, daß sie all ihre Probleme

richten würden- was sie wohl auch taten, wenn man es zynisch

betrachtet.

 

Doch Quecksilber war nicht nur in Ostasien eine favorisierte

Medizin. In ganz England und Europa wurden Quecksilber-

Elixiere gefeiert. Quecksilberzubereitungen waren der letzte

Schrei im Zuge der Kolonisierung der Neuen Welt. Um 1800

entließen die Universitäten in den USA und England Mediziner

in schneller Folge, und die Behandlung Nummer eins im Lehr-

plan der Studenten war das Verabreichen eines Glases Queck-

silber an alle Kranken, unabhängig von Alter, Geschlecht oder

Symptom. Diese „Behandlung“ war besonders beliebt, um

eine Fehlgeburt einzuleiten oder die sogenannte „weibliche

Hysterie“ zu behandeln, womit nichts anderes als eine Frau

gemeint war, die für sich einstand.

 

Nun war das 19. Jahrhundert ja nicht die Steinzeit. Und die

meisten wussten schon, daß es sich bei Quecksilber um ein

gefährliches Gift handelt, das das Leben all derer zerstörte,

die mit ihm spielten, es einnahmen oder es sogar nur anfassten.

Seit Jahrhunderten hatte man mitbekommen, daß Millionen

an Quecksilberbelastung starben. Warum also war es immer

noch so beliebt?

 

Ein Aspekt war sicherlich der große Dämon einer „Industrie“

dahinter. Das allein hätte schon gereicht, es als Superheilmittel

ganz nach oben zu pushen – der Trend macht dann den Rest.

Und denken Sie daran, daß Gesundheitsmoden nichts mit

einer erwiesenen Wirksamkeit zu tun haben müssen.

 

Die „Quecksilber-Bewegung“ bekam Mitte des 19. Jahrhun-

derts einen Dämpfer. Mehr als jemals zuvor konnten die Menschen

sich ärztlich versorgen lassen, was ja zunächst einmal ein Vor-

teil zu sein schien. Doch je mehr die jungen Medizindoktoren

konsultiert wurden, desto mehr konnte man beobachten, wie

die Patienten an unkontrollierbaren Krämpfen, Fieber, Geistes-

krankheit, Tobsuchtsanfällen, Ticks und geistiger Umnachtung

litten. Da fiel es auf, daß der Besuch beim Arzt mit einer Ver-

giftung enden konnte.

 

Dieser verbreiteten Erkenntnis folgte ein 25-jähriges Schatten

dasein der neuen gelehrten Medizin. Lieber gingen die Menschen

das Risiko ein zu erkranken, als sich durch einen Arztbesuch

einem noch höheren Risiko bzw. einer verminderten Überlebens-

wahrscheinlichkeit auszusetzen. Die medizinische Forschung er-

lebte ein Allzeittief des Zuflusses an Mitteln.

 

Das war genau der Einschnitt, den Naturheilkundige und Heiler

brauchten, um Glaubwürdigkeit zu erlangen. In dieser kurzen

Zeitspanne gewannen Homöopathie, Chiropraktik und andere

alternative Heilverfahren stark an Popularität.

 

Am Ende haben die Allopathen nachgezogen und damit geworben,

daß sie fortan keine flüssigen Quecksilberanwendungen mehr

vornehmen würden, woraufhin sie den Schaden etwas einhegen

konnten. Doch der Quecksilberdämon wollte immer noch, daß

die Menschen mit ihm in Kontakt kamen und er dachte sich aller-

lei Mittel und Wege aus, um es in ihre Körper einzuschleusen.

Nicht nur entließ es die Industrie in alle Flüsse, Seen und Ge-

wässer, sondern es kam Anfang des 20. Jahrhunderts quecksilber-

haltige Medizin in Umlauf. Und Zahnärzte verwandten oftmals

Amalgam in den Zahnfüllungen.

 

Die Hutherstellung gehörte zu den Wirtschaftszweigen, in denen

Quecksilber maßgeblich Verwendung fand – in Form einer Lö-

sung, die das Filzen beschleunigte. Die englische Redewendung

„verrückt wie ein Hutmacher“ kommt aus der Zeit; ein typischer

Hutmacher hatte mit Beginn der Arbeit in der Fabrik noch drei

bis fünf Jahre zu leben. Wer um 1800 bis in die erste Hälfte

20. Jahrhunderts einen Filzhut trug, bekam eine Quecksilber-

infusion, wenn er auf der Stirn schwitzte. (Was mich daran

erinnert: Probieren Sie niemals alte Hüte in Secondhandläden

auf).

 

Fast alle Geisteskrankheiten aus der Zeit entstammen der

Quecksilbervergiftung. Die Asyle des 19. und frühen 20.

Jahrhunderts waren voller Leute, die verrückt waren oder

Krämpfe hatten. Und was sah die Behandlung vor? Queck-

silbermixturen zum Trinken und Quecksilberpillen.

Abraham Lincolns Depression hat sich durch Quecksilber-

tabletten stark verschlimmert – wobei seine Depression

wahrscheinlich überhaupt erst mit dem Trinken „medizi-

nischer“ Quecksilber-Elixiere begonnen hatte.

 

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(Daher also der „verrückte Hutmacher“ bei Alice im

Wunderland). Ursula Fugmann

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